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(Nach J. A. Borellis Werk "De Motu Animalium" -
"Über die Bewegung der Lebewesen")
Hier mit freundlicher Genehmigung
des Autors |
| welche
dem Menschen stundenlanges Tauchen ermöglicht, 1680-1681 |
Der junge Borelli war ungewöhnlich begabt. Selbst sein Lehrer,
Benedikt Castelli von der Accademia del cimento aus Florenz, staunte immer wieder, mit
welchem Eifer und Erfolg er sich der Mathematik, der Physik und besonders gern der
Mechanik widmete. Die Akademie hatte den denkbar besten Ruf und war Dank ihrer Führung
durch den berühmten Galilei eine der ersten Anstalten Italiens, und Borelli war ein
Schüler, der diesem Ruf Ehre machte. Wie er ihn, den gelehrten Castelli, in Dispute
verwickelte, widersprach, argumentierte und seinen Standpunkt mit zwingender Logik bewies!
Mehr als nur einmal hatte er seine Meinung revidieren müssen.
Die Fähigkeiten Borellis sprachen sich herum, und der Erfolg ließ nicht lange auf sich
warten: Er wurde ein bekannter Astronom und Mediziner, die Akademie wählte ihn zu ihrem
Mitglied, der Herzog von Toskana ehrte ihn durch die Verleihung einer Professur. Borelli
lehrte an vielen berühmten Stätten in Florenz, in Pisa und Messina, veröffentlichte
eine ganze Reihe mathematisch-physikalischer und medizinischer Schriften. Darüber waren
die Jahre verronnen. Zum letzten Mal war der nun 64jährige, im Jahre 1672, aufgebrochen,
hatte den revolutionären Wirren Messinas den Rücken gekehrt und war nach Rom gegangen.
Hier, in der Abgeschiedenheit des KIosters von St. Pantaleon, in dessen Schule er
Mathematik gab, wollte er seine Arbeiten vollenden. Unzählige ungelöste Probleme gab es
noch. Wie oft hatte er beispielsweise sinnend am Klosterteich gestanden, dem behenden
Spiel der Fische zugeschaut, hatte ihre Bewegungsmechanismen und die Gesetzmäf3igkeiten
ihrer Gleichgewichtslage studiert.Sollte sich nicht auch der Mensch diese Gesetze zu Nutze
machen können? Wohl gab es schon Vorrichtungen, die den Tauchern längere Zeit hindurch
das Atmen unter Wasser gestatteten, und er selbst hatte sie bereits in seinen Manuskripten
beschrieben:
"Die erste besteht aus einem zylindrischen, mit Luft gefüllten Hohlgefäß A B C
(Fig. 6), welches oben geschlossen und unten offen ist. Wenn man dieses Gefäß mit dem
daran hängenden Stein P in das Wasser R S versenkt und an einem Seil E F aufhängt, so
kann die Luft im Gefäß A B C, solange die Seitenwände A C und E B senkrecht stehen,
nicht durch die Öffnung C B entweichen; sie wird lediglich zusammengepreßt, und zwar um
so mehr, je tiefer man das Ganze eintaucht. In die Öffnung B C steckt nun der Taucher
einfach seinen Kopf, wenn er nicht länger ohne Luft sein kann, atmet und erfrischt sich
wieder. Diese Vorrichtung ist ohne Zweifel sehr leicht herzustellen und zu bewegen;
völlig ungeeignet aber erscheint sie bei größeren Meerestiefen. Die Luft wird nämlich
dann durch das Gewicht des über ihr liegenden Wassers derartig zusammengedrängt, daß
sie für die Atmung möglicherweise unbrauchbar wird...
Die zweite von
einigen Leuten ausgedachte Vorrichtung wird folgendermaßen gebraucht (Fig. 7). Man macht
aus Ziegenhaut eine gerade Röhre A B und zieht sie über einen spiralig gewundenen
Eisendraht, der sie auseinander hält. In die untere Öffnung B C ragt der Kopf des
Tauchers hinein; an seinem Nacken und seiner Brust werden Kleiderfransen so befestigt,
daß sie das Eindringen von Luft durch die Zwischenräume und Nähte verhindern. Die
zweite Öffnung dieses Luftkanals ragt über die Wasseroberfläche R S empor, so daß der
Mensch atmen kann. Natürlich ist diese Vorrichtung sehr unbequem, da man sie nicht ohne
fremde Hilfe im Wasser bewegen kann."
Borelli wollte sich nun eine bessere Vorrichtung ausdenken, denn
schließlich, war seine Ansicht, nütze die Wissenschaft nur dann etwas, wenn sie das
praktische menschliche Schaffen fördere, verbessere. Rastlos hatte er seine Schritte um
den Teich gelenkt, seine Ideen geprüft, sie fallen gelassen und wieder aufgegriffen. Der
Taucher sollte mit einem wasserdichten Anzug aus Ziegenhaut bekleidet sein. Über den Kopf
müßte ein großer Helm gehen, mit Raum genug, um daraus atmen zu können. Beides am Hals
mit einem Ring und Stricken fest verbunden. Gewichte müßten das zu geringe spezifische
Gewicht ausgleichen. Aber wieviel Luft sollte der Taucher zum Atmen mitnehmen? Wie oft
müßte sie erneuert werden? Ein Taucher kann, so hatte Borelli beobachtet, ohne Schaden
eine Minute unter Wasser bleiben. Das bedeutet, daß die kleine Luftmenge, welche er in
einem Atemzug aufnimmt, für diese Zeit genügt.
"Wenn er dreißigmal Atem holt und dreißigmal untertaucht, so kann er im ganzen
eine halbe Stunde in kleinen Abschnitten unter Wasser verbringen, und daher scheint es
durchaus wahrscheinlich, daß er auch eine halbe Stunde ununterbrochen im Wasser bleiben
kann, wenn man seinen Kopf in ein Gefäß steckt, welches allseitig geschlossen und so
groß ist, daß es die doppelte oder dreifache Menge jenes Luftvolumens faßt, welches
für 30 Atemzüge nötig ist."
Schließlich faßte er seine Überlegungen und Gedanken zusammen:
"Die Blase B M H C sei aus Kupfer oder Zinn hergestellt und zwei Fuß im
Durchmesser groß (Fig. 8). Der Kopf eines Mannes muß hineinpassen wie in einen Helm.
Befestigt wird sie mit ihrer Mündung an den Schulterblättern, am Nacken und an der
oberen Brust, und zwar durch einen eisernen Halsring B C, der dicht und fest mit Stricken
umwunden wird und der den Hals der Blase mit dem eng am Körper anliegenden Anzug
verbindet. Dieser Anzug muß aus Ziegenhaut bestehen und wasserundurchlässig sein. Wenn
der Mensch dann aufrecht im Wasser steht, kann er die in die Blase befindliche Luft atmen
und stundenlang leben, wenn die Luft nach der im folgenden beschriebenen Methode erneuert
wird. Mit Rücksicht auf die nun noch vorhandenen Schwierigkeiten muß man eine kupferne,
gebogene Röhre I C K L her-stellen und in ihrem herunterhängenden Mittelteil einen aus
Leder gefertigten Beutel K anbringen. Die beiden Enden I und L der Röhren müssen in das
Innere der Blase münden, das eine hinten am Rücken, das andere vorne, aber so, daß man
die Luft hineinblasen kann."
Das war seiner Auffassung nach eine brauchbare Lösung, denn im
Gegensatz zu verschiedenen Chemikern glaubte er nicht an den Balsam, der in der Luft
enthalten sein sollte, und dessen Verbrauch die Lebensflamme der Tiere gleich einer Kerze
im luftdicht abgeschlossenen Raum zum Verlöschen bringt. Er, Borelli, war der Ansicht,
daß die hohe Erwärmung und Luftfeuchtigkeit der ausgeatmeten Luft schädlich sei.
Deshalb wollte er die Ausatemluft durch das Rohr I C K L leiten. Die Luft würde im Rohr
abkühlen, während die Feuchtigkeit sich in Form von Wassertröpfchen an dessen Wandung
niederschlagen würde. Das Wasser sollte sich im Beutel K sammeln.
Also hatte er weitergeschrieben:
"Beim Einatmen wird dann durch Nase und Mund nicht die gerade ausgeatmete, warme
und feuchte, sondern frische, abgekühlte und gereinigte Luft aufgenommen. Und dadurch
kann die Atmung auf das bequemste wohl eine halbe Stunde lang ohne Todesgefahr fortgesetzt
werden.2) . . .
Weil aber der Mensch nicht leben kann, wenn die eingeschlossene Luft nicht doch von Zeit
zu Zeit erneuert wird, muß man oben an dem Luftbehälter zwei Metallröhren N und O
befestigen, welche mit Hähnen verschließbar sind. Man braucht dann nur, wenn es
notwendig ist, zur Wasseroberfläche emporzusteigen, bis die beiden Öffnungen N und O aus
dem Wasser herausragen. Wenn man dann die Hähne öffnet, kann die verbrauchte Luft durch
die Röhre P M O ins Freie strömen, während durch das andere Rohr N neue Luft
aufgenommen wird. Und dann taucht man, sobald man die Ventile wieder geschlossen hat,
sofort wieder unter.
Im übrigen muß nur noch der Anzug aus Ziegenhaut eine Form haben, die sich dem
menschlichen Körper und seinen Gliedern so eng wie möglich anschmiegt, damit man sich
bequem und leicht bewegen kann. Außerdem muß in das den Kopf umgebende Metallgefäß
vorne bei 2 3 ein Glas eingesetzt und mit einem Gemisch aus pulverisiertem, ungelöschtem
Kalk und Eiweiß festgeleimt werden, damit man sehen kann, was auf dem Boden und im Wasser
vor sich geht.
Leicht kann man es auch so einrichten, daß das Gewicht des Ganzen, einschließlich des
Menschen, des Behälters und der Luft dem Gewicht des verdrängten Wassers sehr nahe
kommt, wenn man durch Bleigewichte die Masse der eingeschlossenen Luft vergrößert."
Schließlich zog der Erfinder energisch die Schlußfolgerung:
"Jedenfalls ist nun ganz klar, daß der Mensch in einem solchen Apparat lange
Zeit unter Wasser atmen und leben kann."
Borelli zögerte nicht, seine Vorstellungen von der Tauchervorrichtung zu
vervollständigen:
"Wenn wir also wie ein Fisch im Wasser ruhen oder uns bewegen wollen, so wird uns
dies nur gelingen, wenn wir dieselben mechanischen Kunstgriffe anwenden, welche die Natur
bei den Fischen benützt."
Er hatte beobachtet, daß Fische das Volumen ihrer Schwimmblase und damit ihren
Auftrieb verändern können. Dem Menschen aber ist dies nicht möglich, er braucht einen
Apparat, vielleicht eine Pumpe, die er wie ein Schwert am Gürtel tragen könnte.
Berechnungen waren gefolgt, wieder Skizzen, bis er schließlich schrieb:
"Des weiteren wollen wir annehmen, daß der Mann A F mit seiner Kleidung, dem
Gürtel und der Kopfbedeckung B G H C, mit der Pumpe R S und der eingeschlossenen Luft
spezifisch leichter sei als das Wasser und daß der obere Teil M G des Helmes etwas über
die Wasseroberfläche herausschaut. Wenn man dann ein paar Bleistücke daran hängt, wird
die gesamte Masse des schwimmenden Menschen vergrößert, und er wird fast gleich schwer
wie das Wasser, so daß schließlich nur noch ein ganz kleiner Teil von G vom Helm
herausragt. Nun drückt man den Kolben T nach S hinein, so dab die Luft in der Pumpe
zusammengedrückt wird; und bald wird der vordere Raum T, der zuvor von der Luft
ausgefüllt war, vom Wasser eingenommen sein. Infolgedessen ist der vom Menschen und
seiner Pumpe ausgefüllte Raum kleiner als vorher, das spezifische Gewicht größer und
schließlich gleich dem spezifischen Gewicht des Wassers. Und dann ist der Mensch in der
Lage, überall im Wasser in Ruhe zu bleiben. Wenn nun aber der Kolben T die Luft in der
Pumpe R S noch weiter zusammendrückt und noch mehr Wasser in sie eindringt, dann wird das
spezifische Gewicht größer, und der Mensch fällt von ganz allein langsam zu Boden. Wenn
man andererseits den Kolben T nach E hinbewegt, dehnt sich die Luft infolge ihrer
Elastizität aus, das Wasser wird aus dem Hohlraum T R verdrängt, der Mensch wird
leichter als das Wasser, und er steigt wieder, bis ein Teil des Helmes über das Wasser
herausschaut."
Noch vieles hatte Borelli geschrieben, auch über ein Tauchboot, dessen Bau und seine
Benutzung. Endlich, im November 1670, hatte er mit dem Wort sein großes Werk abschließen
können, das "De Motu Animalium" 3) hieß und mit dem erstmalig eine Einführung
der Lehren der Mechanik in die Medizin in größerem Umfang veröffentlicht wurde. Das
Erscheinen der zweibändigen Ausgabe 1680-1681, seinen Triumph in der Fachwelt, sollte er
jedoch nicht mehr erleben, denn Borelli starb am letzten Tag des Jahres 1679.
Zum Glück
für den Taucher hatte Borelli seine "Vorrichtung, welche dem Menschen stundenlanges
Tauchen ermöglicht", nicht erproben lassen können. Die vermutlich tödlichen Folgen
hätten in der neueren Tauchmedizin als der erste Fall einer Absturzerkrankung 4)
verzeichnet werden können. Da sich der Kopf des Tauchers in der starren "Blase"
aus Metall befände, in dem der kaum verändert atmosphärische Druck herrschen würde,
während der Druck auf den Körper beim Tauchen zunehmen würde; es entstände eine
gefährliche Druckdifferenz. Auch mit der Mechanik der Pumpe hätte der Taucher kaum etwas
anfangen können. Übrigens fehlt bei dieser Darstellung (Fig. 8, Tab. XIV) das Zahnrad an
der Kurbel, wie es in der Abbildung eines späteren Nachdrucks (Napoli 1734) zu finden
ist. Doch ob mit oder ohne Zahnrad hätte der Taucher den vom Wasserdruck belasteten
Kolben 5) kaum herausbekommen.
Interessant neben der Anordnung eines geschlossenen Taucheranzuges in Verbindung mit einem
metallenen Helm, daß er den Taucher mit etwas "Schwilnmflossenähnlichem"
versah. Als einziger darauf zu beziehender Hinweis findet sich der Satz: "Es ist nun
nicht mehr nötig, weiter zu erklären, wie der Mensch auf dem Boden nach der Art der
Krebse gehen kann und wie er durch Rudern mit Händen und Füßen wie ein Frosch im Wasser
schwimmen kann."
Diese Flossen sollten also zum Laufen auf dem Grund (deshalb die krallenartigen Haken) und
zum Schwimmen nach der Art der Frösche dienen. Unschwer ist hier eine Nachbildung aus der
Natur zu erkennen, da sie etwa dem Bau der Schwimmfübe der Lappentaucher 6) ähneln.
Also blieb Borelli auch hier einer philosophischen Betrachtung treu, die für sein
gesamtes Schaffen bestimmend war:
"Kein vernünftiger Mensch wird leugnen, daß die Werke der Natur äußerst
einfach, daß sie notwendig und, soweit möglich, sparsam sind. Also werden auch die
Kunstwerke, welche sich die Menschen ausdenken, ohne Zweifel dann am besten gelingen, wenn
sie sich an die Schöpfungen der Natur anlehnen und ihnen nachgebildet werden, so weit es
möglich ist."
Literatur:
- Repro. aus Borellus, J. A.: De Motu Animalium. Pars Prima. Editio' Altera.
Romae 1685, Tab. XIV
- Zitate aus einer dtsch. Übers. von M. Mengeringhausen, Akademische Verlagsgesellschaft
MBH. Leipzig 1927, 5. 57-64
- Biogr. Notizen: Ebenda S. 65-66Fußnoten:
1) etwa 60 cm, 1 römischer pes = 29,5 cm
2) Einfache Berechnungen unter Vernachlässigung verschiedener unwesentlicher Faktoren.
sowie der Annahme einer normalen Atmung, eines O2-Verbrauchs von etwa 1 l/min und
entsprechender CO2-Abgabe ergeben, daß sich schon nach 5 min im Helm der O2-Gehalt von
rund 21 Prozent auf rund 11,7 Vol.-Prozent senken und der CO2-Gehalt auf etwa 9,2
Vol.-Prozent erhöhen würde, also die Luft im Helm eine Zusammensetzung erreichte, in der
der Taucher rasch das Bewußtsein verlieren und ersticken würde.
3) Über die Bewegung der Lebewesen
4) Sinkt ein Taucher im schweren Tauchergerät schneller tiefer, als Luft zum
Druckausgleich zugeführt werden kann (z. B. bei einem Absturz durch zu starken Abtrieb),
wird zunächst die Luftblase des Anzuges in das Helminnere und die Atemwege gedrückt.
Reicht das zum Druckausgleich nicht mehr aus, entsteht im Helm als starrwandigen Behälter
ein Unterdruck. der Hals, Schultern und den oberen Brustraum sich gegen das Helminnere
drängen läßt. Der Körper des Tauchers steht dagegen unter einem höheren Wasserdruck.
Das gesamte Blut wird infolge dessen aus dem Organismus in die Richtung des Kopfes
gedrückt. Die Folgen können von kurzfristiger Blutstauung bis zum Tod innerhalb weniger
Stunden durch extreme Überdehnung des Herzens reichen.
5) bei einem angenommenen Durchmesser von 25 cm und einer Tiefe von 5 m mit 245 kp
6) zu dieser Ordnung gehört z. B. auch der Haubentaucher. |
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